Glashütte ist ein Gattungsbegriff, Glashütte ist überall. Denn über 30 Ortschaften dieses Namens gibt es in Deutschland, weitere in Osteuropa und auch eine Handvoll in Österreich, in der Schweiz oder in Amerika. Weil man in einem der vielen Orte namens Glashütte sehr gute Uhren baut, hat fast jeder schon mal davon gehört — vom Prototyp aller Glashüttes, jenem Glashütte im Osterzgebirge, in welchem auch NOMOS Glashütte zuhause ist.

Glashütte ist nicht immer Glashütte, doch unseres Wissens gilt für alle Glashüttes: Einheimische müssen nur selten das Kinderzimmer für Besuch räumen, die Auswahl an Postkartenmotiven ist klein, dafür gibt es drei Glascontainer, weiß, grün, braun, hinterm Ortseingang. Diese Dörfer und Städte zählen nicht vorrangig zu jenen schönen, sonnigen, geschichtsträchtigen, wo Menschen gern ihre Ferien verbringen.

In unserem Glashütte gibt es kein Hotel, kein Restaurant, das nicht eher ein Imbiss wäre, kein Kino, erst recht kein Theater. Jedoch gibt es statt alledem in und aus Glashütte wunderschöne und sehr gute Uhren und Menschen, bei denen Präzision längst genetisch ist.

Blühende Landschaften in Glashütte

Pünktlich wird gekräht, pünktlich wird ein Ei gelegt.

Denn seit vielen Generationen, seit über 170 Jahren schon, werden in Glashütte feine Zeitmesser gebaut. Grundschulkinder basteln zuhause Wecker auseinander, nur wenige Menschen hier können sich vorstellen, nicht Uhrmacher zu werden, sondern Bäcker, Automechaniker oder Theologieprofessor. Wer das Ortsschild passiert, wird begrüßt vom Versprechen „Hier lebt die Zeit“. Und stellt doch fest: In Glashütte vergeht diese wesentlich langsamer als in München, Frankfurt oder in New York.

Geduld und Ruhe braucht das feine Handwerk, und die gibt es hier. Und einen besonderen Anspruch, großen Stolz. So kommt’s, dass Uhrmacher – und Konstrukteure, Regleure, Werkzeugmacher – in Glashütte beherrschen, was ihre Kollegen anderswo kaum können. Einzig in der Schweiz gibt es Regionen, die mit Glashütte vergleichbar wären – nicht umsonst wird Glashütte oft als „Schweiz im Kleinformat“ bezeichnet. Nicht nur also wegen der Hügel drumherum.

Das meiste in Glashütte ist heute renoviert. Doch in den Gärten, Höfen, Hinterhöfen findet sich hier und da auch noch etwas DDR.

Bevor sie lernten, wie man Uhren fertigt, waren die Glashütter allerdings dem Hungertod nah. Seit dem 15. Jahrhundert hatten die Menschen dieser Gegend vom Bergbau gelebt, doch irgendwann versiegten Silber- und Kupfererzvorkommen. Mit einer Anschubfinanzierung von 6700 Talern, die er vom sächsischen König Friedrich August II bekommen hatte, ging der Uhrmachermeister Ferdinand Adolph Lange in die Spielzeugbergen gleichen Hügel hinter Dresden, um den Bewohnern neue Zeiten und Hoffnung zu bringen. Er begann, dort eine Uhrenindustrie aufbauen; mit Konstrukteuren, Regleuren, Zifferblatt-, Zeiger- und Gehäuseherstellern; mit arbeitsteiliger Produktion. Und mit großem Erfolg.

Im frühen 20. Jahrhundert lösten Armbanduhren die Taschenuhren ab, aber auch für Beobachtungsuhren und Schiffschronometer wurde Glashütte bekannt. Erst in Kriegs- und DDR-Jahren litten der Ort und seine Industrie. Statt Armbanduhren wurden mehr und mehr Zünder und Instrumente für die Kriegsindustrie gefertigt, bevor noch am letzten Tag des Zweiten Weltkriegs Glashütte von sowjetischen Fliegern bombardiert und in großen Teilen zerstört wurde.

Elf eigene Kaliber, also Uhrwerke, fertigt NOMOS Glashütte.

Fummeln auf Weltniveau: Uhrmacher in der Manufaktur

Nach Kriegsende wurden die Glashütter Uhrenhersteller von der sowjetischen Besatzungsmacht enteignet und die Glashütter Uhrenfertigung ab 1951 in einem Gesamtbetrieb VEB Glashütter Uhrenbetriebe (GUB) zusammengefasst. Die einzelnen Glashütter Uhrenmarken verschwanden, und im staatlichen VEB wurde nach und nach mehr Massenware für den Export gegen Devisen produziert.
Doch während im Westen Uhrenkenner feuchte Augen bekamen, wenn der Name „Glashütte“ fiel, blieben vor Ort auch zu DDR-Zeiten Können und Wissen für den Bau feiner mechanischer Uhren erhalten; die Mitarbeiter waren es, die das Handwerk teils im Privaten, Geheimen über die schwierigen Jahrzehnte retteten. Und da nach dem Fall der Mauer noch einige der alten Uhrmacher lebten, die ihr Handwerk vor dem Krieg erlernt hatten, gaben sie es weiter, gerade noch rechtzeitig. Was für ein Glück.

So gelang Glashütte nach 1989 eine neue Blüte: Heute ist der Name der kleinen Stadt wieder Synonym für weltbeste Uhren – und nun, 30 Jahre nach dem Fall der deutschen Mauer, bekannter denn je. Neun Hersteller haben sich heute in Glashütte der Herstellung guter Uhren verschrieben. NOMOS Glashütte ist einer davon – und gilt mittlerweile als 100-Prozent-Manufaktur: Alle elf Kaliber werden von NOMOS selbst konstruiert und gefertigt. Niemand baut in Glashütte mehr Uhren made in Germany. Von Uhrmachern in den über 30 anderen Ortschaften gleichen Namens ist hingegen nichts bekannt. Hier arbeiten die Menschen eher in anderen schönen Berufen, werden Bäcker, Automechaniker und Professoren.

Fotos: 1. NOMOS Glashütte/Dawin Meckel, 2. NOMOS Glashütte/Tilman Wendland/Roman März, 3. NOMOS Glashütte/Judith Borowski, 4. NOMOS Glashütte/Dawin Meckel, 5. NOMOS Glashütte/Sebastian Asmus, 6. NOMOS Glashütte/Holger Wens